Historie der Christians-Villen

Solingen, Konrad-Adenauer-Straße 72-74. Was sich hinter dieser Adresse verbirgt, ist die sichtbare Utopie und der greifbare Erfolg durch den festen Glauben an sie. Seit etwa
150 Jahren schreiben nämlich gegenüber dem Solinger Theater- und Konzerthaus zwei neoklassizistische Villen ein Stück Stadtgeschichte. Als 1862, das Jahr, in dem
Bismarck preußischer Ministerpräsident und Außenminister wurde, die Brüder Reinhard und Carl Christians die beiden identischen Privathäuser bauen ließen, waren sie
Ausdruck wirtschaftlichen Wachstums einer 1824 gegründeten Stiefeleisen-Fabrik.

Vor dem Hintergrund, dass sich im selben Jahr Solinger Arbeiter politisch und gewerkschaftlich organisierten, machten allerdings die Villengebäude auch soziale Kontraste und Mißstände besonders deutlich. Auf dem 12.000 qm großen angrenzenden Firmengelände entstanden außerdem das Kontor mit Lager sowie ein massives Fabrikgebäude. Unternehmerische Zentralisierung, auch mit dem Ziel, Transportwege
und -kosten zu verringern, waren der Grund für die Gebrüder Christians, diesen
Industrie- und Privatkomplex in die Nähe des Solinger Schlagbaums zu verlegen. In
den folgenden Jahren bis zur Jahrhundertwende führten aufkommende Industriali-
sierung und Mechanisierung dazu, dass die Stiefeleisen-Produktion fast gänzlich
aufgegeben werden musste. Maschinell aus Draht hergestellte Billigfabrikate drängten
auf den Markt und boten Qualitätserzeugnissen des Hauses Christians starke Konkurrenz.

Mit Weitblick auf die veränderte Situation wurde dadurch der zweite unternehmerische Bereich der Firma Christians immer bedeutender. Man spezialisierte sich mehr und mehr auf die Produktion von Scheren, Taschenmessern, Essbestecken und anderen Stahlartikeln. Auch wenn nach den Wirren des ersten Weltkrieges im Inflationsjahr 1924 das hundertjährige Firmenjubiläum gefeiert wurde und sich risikoreiche Exportgeschäfte als Glücksfall erwiesen, sank in den folgenden Jahren der ruhmreiche Stern der Firma Gebrüder Christians. Was blieb, waren die Erinnerungen an das Wachsen und den
Fall eines Unternehmens, das eng mit dem Bergischen Land verbunden war und natürlich die beiden Villen, die zusehends dem Verfall preisgegeben waren, bis sie im Jahre 1975 unter Denkmalschutz gestellt wurden. Dies war jedoch noch lange kein Garant für
ihren Erhalt.

Erst als ein Solinger Unternehmer und leidenschaftlicher Restaurator die Villen 1986 von der Stadt Solingen erwarb und mit Liebe zum Detail restaurierte, hat sich ihr Schicksal wiederum gewendet, und schon 1988 erstrahlten sie in neuem alten Glanz und beherber-gen seitdem eine erfolgreiche Solinger Firma. Die Gewölbekeller, zu Zeiten der Gründerfamilie als Weinkeller und Vorratskammer konzipiert, wurden ein paar Jahre später ihrer heutigen Bestimmung zugeführt, als dort das erste Restaurant eröffnete.
Mit dem „Christians-Villen-Restaurant“ schließt sich nun der Kreis.